
Eigentlich wollte ich letzten Sonntagabend nur kurz die B-Dur-Tonleiter festigen, bevor der Tatort anfängt. Aber kaum stand ich im Gartenhaus – draußen peitschte der Regen gegen die Holzwand, während drinnen die kleine Heizung knackte –, da fing es wieder an. Ein Ziehen im Nacken, das sich bis zwischen die Schulterblätter fraß.
Ich sah mich im Fensterglas spiegeln und erschrak fast: Da stand ich, die Schultern bis zu den Ohren hochgezogen, den Kopf nach vorne gereckt wie eine Schildkröte, die nach einem Salatblatt schnappt. Kein Wunder, dass der Ton eher nach einer gequälten Ente klang als nach dem samtigen Intro von Kind of Blue.
Weißt du, als ich mir die Trompete Ende Oktober von meinem Nachbarn kaufte, dachte ich, das Schwierigste wäre der Ansatz. Dass man für dieses bisschen Blech eine Fitness wie im Sportstudio braucht, hat mir keiner gesagt. Dabei wiegt so eine Standard-B-Trompete gerade mal 1100 Gramm. Das klingt nach nichts – ein Pfund Kaffee und ein bisschen mehr. Im Finanzamt habe ich früher Aktenordner gestemmt, die deutlich schwerer waren.
Aber nach zehn Minuten Üben fühlen sich diese 1,1 Kilo an wie ein ganzer Tresor, den man mit ausgestreckten Armen balanciert. Der Hebelweg ist das Problem. Wenn man dann noch versucht, so lässig dazustehen wie Miles Davis oder Clifford Brown, endet das bei uns Anfängern meist im totalen Hohlkreuz.
Die Last der linken Hand
Mitte Januar saß ich hier im Gartenhaus und meine Finger wurden taub. Ich hatte die Trompete so fest umklammert, als wollte ich das Messing zerquetschen. Dabei passierte etwas Seltsames: Ein warmes Kribbeln im linken Ringfinger stellte sich ein, immer wenn ich den Ring zu fest zog, um das Gewicht des Instruments auszugleichen. Ich dachte erst, es sei die Kälte, aber es war schlicht die Verkrampfung.
Die erste Lektion, die ich mühsam lernen musste: Die linke Hand ist der Packesel. Sie trägt das Gewicht. Die drei Ventile oben drauf sind eigentlich nur für die rechte Hand da, und die muss federleicht bleiben. Wenn du die Trompete links nicht stabil hast, fängst du an, mit der rechten Hand zu drücken, und dann werden die Finger langsam. Dann klappt kein schneller Lauf mehr, nicht mal das einfachste So What-Thema.
Ich habe dann angefangen, meine alten Ergonomie-Regeln vom Schreibtisch anzuwenden. Füße schulterbreit, Knie nicht durchdrücken. Es ist wie beim Warten auf den Bus am Prinzipalmarkt – man muss stabil stehen, aber locker in der Hüfte bleiben.
Das Märchen von der waagerechten Trompete
Überall liest man, die Trompete müsse waagerecht gehalten werden. „Parallel zum Boden“, sagen die Lehrbücher. Aber ganz ehrlich? Für mich war das der sicherste Weg zum Orthopäden. Um die Trompete kerzengerade zu halten, musste ich meinen Kopf in den Nacken legen oder die Schultern unnatürlich vorrollen. Das blockiert sofort die Luftwege. Und wenn die Luft nicht fließt, kommt kein Ton – da helfen auch die 1.37 Meter Rohrwindungen nichts, durch die man die Luft pressen muss.
Während der ersten warmen Apriltage habe ich einfach mal experimentiert. Ich habe die Trompete ein Stückchen sinken lassen. Vielleicht zehn oder fünfzehn Grad nach unten. Und plötzlich passierte es: Mein Nacken entspannte sich. Die Luft hatte auf einmal Platz. Es war, als hätte jemand einen Knoten in meinem Hals gelöst.
Es sieht vielleicht nicht so „heroisch“ aus wie auf alten Jazz-Plattencovern, aber mein Rücken dankt es mir. Wenn der Winkel stimmt, trifft das Mundstück auch viel natürlicher auf die Lippen, ohne dass man den Unterkiefer so seltsam vorschieben muss.
Kleine Tricks gegen das Zittern
Manchmal, wenn ich merke, dass die Arme schwer werden, mache ich eine Pause und rieche einfach nur an dem Instrument. Ich mag diesen kühlen, leicht nach Metall riechenden Duft des Messings unter meinen Fingerspitzen, während draußen der Wind gegen die Holzwand drückt. Es erdet mich. Früher in der Kirche sah das bei den Trompetern immer so mühelos aus – heute weiß ich, dass das harte Arbeit ist.
Hier sind ein paar Dinge, die mir helfen:
- Den Blick nicht starr auf die Noten kleben. Ich hänge mein Notenblatt jetzt etwas höher auf Augenhöhe, damit ich nicht nach unten gucke.
- Die Ellbogen nicht an den Körper pressen. Stell dir vor, du hättest zwei kleine Tennisbälle unter den Achseln – das schafft Raum zum Atmen.
- Immer mal wieder die Schultern kreisen lassen, auch während der Übungssession.
Ich habe ja schon mal darüber geschrieben, wie ich versuche, das Ganze ohne Druck anzugehen, fast so wie bei meinen ersten Versuchen, als ich Trompete online lernen wollte und merkte, dass die Haltung die halbe Miete ist. Wenn man sich verkrampft, hört man das sofort. Der Ton wird eng und dünn.
Ein schmerzfreier Feierabend
Letzten Sonntagabend war es dann soweit. Ich stand im Gartenhaus, hielt die Trompete locker, den Trichter leicht nach unten geneigt. Ich atmete tief in den Bauch – nicht in die Brust – und spielte den ersten C-Dur Dreiklang der Woche. Er war sauber. Er war schmerzfrei. Und das Beste: Kein Stechen im Rücken nach fünf Minuten.
Es ist ein langer Weg von der Finanzbeamtin, die nur Akten gewälzt hat, zur Frau, die mit 50 Jahren ein Blechblasinstrument bändigt. Manchmal fühle ich mich immer noch unmusikalisch, wie damals in der Schule mit der Blockflöte. Aber wenn ich dann da stehe und merke, dass mein Körper und dieses Instrument langsam Freunde werden, ist das ein verdammt gutes Gefühl.
Wenn es im Gartenhaus zu laut wird oder der Nacken doch mal streikt, weil ich es übertrieben habe, nehme ich mir vor, es am nächsten Tag ruhiger anzugehen. Ich habe ja auch gelernt, wie man die Trompete leise üben kann, falls die Nachbarn doch mal komisch gucken sollten, wenn ich zu lange an meiner Haltung feile.
Morgen fange ich wieder an. Mit lockeren Schultern, festem Stand und der Gewissheit, dass man keine 20 mehr sein muss, um aufrecht durchs Leben – und durch die Tonleitern – zu gehen. Bis nächsten Sonntag!