
Es ist wieder Sonntagabend, meine Liebe. Ich sitze hier im Gartenhaus, die Grillen im Münsterland geben gerade ihr Bestes, und vor mir liegt dieses glänzende Ungetüm von Nachbars Dachboden. Weißt du, heute Nachmittag war so ein Moment – die Sonne stand schon tief über den Feldern, und ich habe einfach mal die Notenblätter beiseitegeschoben. Ich wollte nicht mehr auf diese schwarzen Punkte starren, die mich immer so an die unendlichen Zeilen in den Steuerbescheiden erinnern, die ich früher prüfen musste. Ich wollte einfach nur, dass ein Ton aus mir herauskommt, der so klingt wie die Melodie, die ich im Kopf habe. Aber zwischen dem Kopf und dem Schallbecher liegt ein weiter Weg, das kann ich dir sagen.
Erinnerst du dich noch an die Blockflötenzeit in der Schule? Ich dachte ja Jahrzehnte lang, ich sei völlig unmusikalisch, nur weil ich diese hölzernen Griffe nicht auswendig konnte. Aber jetzt, mit 50, merke ich: Das Gehör ist eigentlich da, es ist nur ein bisschen eingerostet. Wenn ich Miles Davis mit 'So What' höre, dann singt meine Seele mit, aber meine Lippen? Die wissen noch nicht so recht, wie sie diese 3 Ventile meiner Trompete bedienen sollen, um genau diesen einen Ton zu treffen. Es ist ein bisschen wie beim ersten Mal Autofahren – man weiß, wo man hinwill, aber die Kupplung und das Gaspedal führen ein Eigenleben.
Vom Notenfresser zum Hinhörer: Warum wir die Ohren brauchen
In den ersten Wochen – wir reden ja jetzt schon von gut fünf Monaten, seit ich mir dieses Geburtstagsgeschenk gemacht habe – war ich extrem fixiert auf die Theorie. Ich habe gelernt, dass meine Trompete in B-Dur gestimmt ist. Das klingt erstmal logisch, bis man merkt, dass ein C auf meinem Blatt ein B auf dem Klavier ist. Wenn man das im Finanzamt so gemacht hätte – eine 5 eintragen, aber eine 4 meinen –, dann wäre das Chaos perfekt gewesen. Aber beim Musizieren ist das eben die Welt, in der wir uns bewegen.
Letzten Mittwoch habe ich versucht, eine ganz einfache Melodie aus einem alten Kirchenlied nachzuspielen. Nur die ersten paar Töne. Ich kenne die Melodie in- und auswendig, sie hat früher in der Kirche immer so herrlich majestätisch geklungen. Aber ohne Noten? Ich fühlte mich plötzlich völlig nackt. Man starrt auf diese 3 Ventile und fragt sich: 'Welche Kombination war das nochmal für das G?' Das Problem ist, wenn man nur nach Noten spielt, lernt man das Instrument wie eine Schreibmaschine zu bedienen. Taste A ergibt Buchstabe B. Aber Musik ist ja eher wie Sprechen. Man überlegt sich ja auch nicht bei jedem Wort, wo die Zunge gerade am Gaumen kleben muss.

Der kühle, metallische Geschmack des Mundstücks an meinen Lippen und der Geruch von Ventilöl, der sich mit dem Duft von frisch gemähtem Gras hier am Gartenrand vermischt – das ist jetzt mein Feierabend. Und genau in dieser Atmosphäre habe ich gemerkt: Ich muss anfangen, die Töne zu *ahnen*, bevor ich sie drücke. Gehörbildung klingt immer so nach Schulbank und strengem Lehrer, aber eigentlich ist es nur das Vertrauen darauf, dass das Ohr den Weg weist.
Mein Trick: Summen statt Grübeln
Hier kommt mein ganz persönlicher 'Geheimtipp', den ich für mich entdeckt habe (wahrscheinlich wissen das alle Profis schon seit hundert Jahren, aber für mich war es eine Offenbarung): Ich habe aufgehört, die Melodie nur im Kopf zu hören. Wenn ich versuche, einen Ton zu treffen, summe ich ihn jetzt erst ganz leise mit, während ich einatme. Ich integriere die Melodie quasi direkt in meinen Atemfluss. Es ist fast so, als würde ich den Ton schon in mir tragen, bevor die Luft überhaupt die Trompete berührt.
Das klingt vielleicht ein bisschen esoterisch für eine ehemalige Finanzbeamtin, aber es hilft ungemein. Wenn ich summe, stellt sich meine Lippenspannung ganz unbewusst auf die richtige Frequenz ein. Wenn ich dann ansetze, ist die Trefferquote viel höher. Das ist so wichtig, weil das Mundstück-Buzzing für Trompete eigentlich die Basis für alles ist. Wenn es auf dem Mundstück nicht klingt, wird es auch aus dem Trichter nur wie eine sterbende Ente klingen. Manchmal sitze ich hier zehn Minuten und summe einfach nur vor mich hin, bevor ich den ersten echten Ton blase. Die Nachbarn denken wahrscheinlich, ich führe Selbstgespräche, aber das ist mir egal.
Kleine Schritte: Intervalle verstehen ohne Mathe-Studium
Man muss kein Genie sein, um zu verstehen, dass Töne Abstände haben. Ich habe mir vorgenommen, jeden Tag ein bestimmtes Intervall zu 'hören'. Zum Beispiel die reine Quinte. Das sind genau 7 Halbtonschritte. In der Theorie klingt das trocken, aber in der Praxis ist es der Anfang von so vielen Melodien. Wenn man lernt, diesen Sprung im Ohr zu haben, dann findet man ihn auch auf den Ventilen. Es ist ein bisschen wie Treppensteigen im Dunkeln: Nach einer Weile weiß man einfach, wie hoch man den Fuß heben muss, ohne hinzusehen.
Ich habe gemerkt, dass es hilft, bekannte Lieder als Eselsbrücken zu nutzen. Clifford Brown hat diese Leichtigkeit, mit der er über Intervalle springt – bei ihm klingt das so natürlich. Ich versuche dann, mir einen seiner Läufe vorzustellen und ihn ganz langsam nachzubauen. Manchmal klappt es, meistens eher nicht. Aber der Versuch allein schärft das Gehör ungemein.
Wenn es schiefgeht: Der Kampf mit dem hohen G
Natürlich ist nicht alles nur Sonnenschein im Münsterland. Letzten Sonntagabend, als ich besonders motiviert war, wollte ich unbedingt eine Melodie spielen, die ein hohes G verlangt. Ich habe die Melodie im Kopf, ich summe sie, ich setze an – und was passiert? Ein frustrierendes 'Kieksen', ein hässlicher, gepresster Ton, der eher an eine rostige Türangel erinnert als an Jazz. Das passiert immer dann, wenn ich versuche, den Ton zu erzwingen, ohne ihn wirklich innerlich gehört zu haben. Mein Ansatz wird dann fest, ich drücke das Mundstück zu stark gegen die Lippen, und alles verkrampft.
In solchen Momenten lege ich das Instrument kurz weg. Ich merke dann, wie speichelfeucht das Mundstück ist und dass mein langer Atem einfach nicht reicht, wenn ich gegen meinen eigenen Widerstand ankämpfe. Es ist eine Lektion in Geduld. Man kann Gehörbildung nicht mit der Brechstange erzwingen. Es ist eher wie ein Garten, den man pflegt – man kann das Gras nicht schneller wachsen lassen, indem man daran zieht.

Ich habe dann angefangen, wieder ganz simpel mit der C-Dur Tonleiter (die bei mir ja B-Dur ist) zu arbeiten. Es ist so wichtig, die erste Tonleiter auf der Trompete sauber zu spielen, bevor man sich an die komplizierten Soli wagt. Wenn man die Basis-Töne nicht im Schlaf 'hört', dann verläuft man sich später in den Melodien. Ich habe auch gelernt, dass mein Gehirn manchmal Pausen braucht. Nach 20 Minuten 'Melodie-Raten' im Gartenhaus raucht mir der Kopf mehr als früher nach einer Betriebsprüfung.
Das Gehör und der Rhythmus: Eine untrennbare Einheit
Was ich auch völlig unterschätzt habe: Gehörbildung ist nicht nur Tonhöhe, sondern auch Rhythmus. Wenn ich eine Melodie nach Gehör spiele, verhaspele ich mich oft im Takt, weil ich so sehr damit beschäftigt bin, den nächsten Ton zu finden. Ich habe angefangen, mir das Leben ein bisschen leichter zu machen. Manchmal nehme ich meine alte Cajon zur Hand, die meine Tochter hiergelassen hat, und klopfe den Rhythmus erst einmal, bevor ich ihn auf der Trompete versuche. Das hilft, das Gerüst der Melodie im Kopf zu verankern.
Es ist erstaunlich, wie viel präziser man spielt, wenn man richtig mit dem Metronom Trompete übt. Dieses ständige Ticken gibt einem eine Sicherheit, die es erlaubt, sich voll auf die Tonfindung zu konzentrieren. Ohne dieses äußere Gerüst schwimme ich oft weg, besonders wenn ich versuche, so etwas wie die Einführung aus 'Kind of Blue' nachzuspielen. Das klingt bei Miles so schwebend und frei, aber dahinter steckt ein eisernes Zeitgefühl.
Mein Fazit für diese Woche
Gehörbildung ist für mich kein Talent, das man hat oder nicht hat. Es ist eine Entscheidung. Die Entscheidung, der Stille im Gartenhaus zu vertrauen und den Notenständer auch mal in der Ecke stehenzulassen. Es ist anstrengend, ja. Es führt zu schiefen Tönen und manchmal zu echtem Frust. Aber wenn man dann diesen einen Moment hat, wo der Finger ganz automatisch das richtige Ventil drückt, weil das Ohr den Befehl gegeben hat – das ist ein Gefühl, das kannte ich früher nicht. Das ist besser als jede Steuererstattung, die ich je bearbeitet habe.
Ich werde jetzt noch eine Runde 'Happy Birthday' versuchen – ohne Noten, einfach nur aus dem Gefühl heraus. Vielleicht klappt es ja heute ohne Kieksen. Und wenn nicht? Dann ist es auch egal. Hier draußen hört mich ja keiner, außer den Kühen auf der Weide nebenan, und die sind zum Glück nicht sehr kritisch. Wir hören uns nächsten Sonntag wieder, meine Liebe. Dann erzähle ich dir, ob ich den Sprung zum hohen G endlich sauber geschafft habe.