
Sonntagabend, meine Liebe. Ich sitze hier am Küchentisch, draußen peitscht der Münsterländer Regen gegen die Scheiben, und ich starre auf meine Hände. Sie zittern ein kleines bisschen – nicht vor Erschöpfung, sondern vor dieser seltsamen, neuen Energie. Du weißt ja, wie das ist, wenn man sich mit 50 noch mal an etwas wagt, das eigentlich so gar nicht in den Lebenslauf einer ehemaligen Finanzbeamtin passt. Aber diese Woche im Gartenhaus war anders. Es war die Woche, in der ich endlich begriffen habe, dass die Trompete kein Instrument ist, das man mit den Fingern spielt. Man spielt sie mit der Seele – und einer verdammt großen Portion Sauerstoff.
Der Duft von Freiheit, feuchtem Holz und Rasenmäher-Benzin
Ich war diesen Montag wieder drüben in meinem Refugium. Du kennst mein Gartenhaus: Es ist der Ort, an dem der alte Rasenmäher seinen Gnadenhof gefunden hat und wo die Polster der Gartenmöbel diesen ganz speziellen Duft von 'überwintertem Münsterland' verströmen. Es riecht nach feuchtem Holz und ein bisschen nach Benzin. Aber es ist der einzige Ort, an dem ich mich traue, so richtig tief ein- und auszuatmen, ohne dass die Nachbarn denken, ich hätte einen medizinischen Notfall oder würde versuchen, die gesamte Nachbarschaft mit einem Nebelhorn zu wecken.
Trompete spielen hat am Anfang erschreckend wenig mit Musik zu tun, meine Liebe. Es ist eher ein Überlebenskampf. Ich stand da mit der gebrauchten Kanne von unserem Nachbarn – du weißt schon, das gute Stück, das er mir nach meinem Fünfzigsten für einen fairen Preis überlassen hat – und merkte schnell: Meine Lunge reicht aktuell nicht mal für ein ordentliches 'Halleluja'. Nach all den Jahren im Amt, in denen ich meistens nur flach über Steuerakten geatmet habe, ist mein Zwerchfell anscheinend in den vorzeitigen Ruhestand gegangen, noch bevor ich es tat. Es ist, als hätte ich eine lebenslange Gewohnheit der 'Spar-Atmung' entwickelt.

Warum Notenständer im Gartenhaus nur im Weg stehen
Ich habe den Notenständer diese Woche ganz bewusst in die hinterste Ecke geschoben, direkt hinter den Sack mit dem Rasendünger. Weißt du, früher in der Schule, bei dieser schrecklichen Blockflöte, da ging es immer nur darum, die schwarzen Punkte richtig zu treffen. Ich dachte Jahrzehnte lang, ich sei unmusikalisch, nur weil ich diese Punkte nicht schnell genug entziffern konnte. Aber bei der Trompete ist das anders. Wenn ich versuche, gleichzeitig Noten zu lesen und dieses schwere Blech zu halten, vergesse ich das Atmen komplett. Und ohne Atem klingt die Trompete wie eine heisere Gans, die versucht, unter Wasser zu singen.
Also stehe ich da, ohne Noten, und höre einfach nur in mich hinein. Ich schließe die Augen und stelle mir vor, wie es früher in der Kirche klang, wenn die Bläser von der Empore spielten. Dieser volle, warme Klang, der den ganzen Raum füllte. Der kommt nicht aus den Ventilen. Der kommt von ganz unten. Ich habe mir einen festen Rhythmus angewöhnt, ganz die ehemalige Beamtin: Jeden Tag nach dem ersten Kaffee geht es für zehn Minuten ins Gartenhaus für reine Atemeinheiten. Inzwischen sind das in den letzten sechs Monaten Hunderte von Minuten reines Atemtraining. Es fühlt sich oft an wie die ersten Gehversuche nach einem Gipsbein – mühsam, aber jeder Zentimeter zählt.
Mein größter Feind ist dabei der 'schiefe Ansatz'. Wenn ich zu viel will, verkrampfe ich meine Lippen, das Mundstück wird ganz speichelfeucht und rutschig, und der Ton – falls überhaupt einer kommt – kippt sofort weg. Es ist frustrierend, wenn der lange Atem einfach nicht reicht, um auch nur einen Ton drei Sekunden stabil zu halten. Manchmal merke ich auch, wie mein ganzer Nacken fest wird, weil ich die Trompete fast schon panisch festklammere. Ich musste mir erst mal klarmachen, dass man die Trompete richtig halten muss, ohne dabei wie eine Marmorstatue zu erstarren. Wenn der Körper zu ist, fließt auch keine Luft.
Das 4-4-4-Prinzip: Steuererklärung für die Lunge
Meine wichtigste Übung im Moment ist das Zählen. Ich schließe die Augen, spüre das kalte Messing des Mundstücks an meinen Lippen – ein Gefühl, das sich nach einer Weile plötzlich warm und vertraut anfühlt, fast so, als würde die Trompete ein Teil von mir werden. Dann atme ich vier Schläge lang tief ein, fülle den Bauch, bis ich denke, ich platze gleich. Dann halte ich die Luft vier Schläge lang (ohne den Hals zuzuschnüren!) und lasse sie vier Schläge lang ganz gleichmäßig wieder ausströmen. Manchmal direkt durch das Instrument, manchmal nur so durch die Lippen.
Am Anfang hatte ich dabei ein leichtes Schwindelgefühl. Mein Körper war völlig überfordert mit so viel Sauerstoff! Ich musste mich erst mal auf den alten Gartenstuhl setzen und warten, bis die Welt aufhörte zu drehen. Aber genau das ist der Punkt: Wir verlernen das natürliche Atmen im Laufe des Lebens. Als Kind konnte ich das doch auch. Wenn ich Miles Davis höre, wie er in 'So What' diese fast schon hingehauchten Töne spielt, dann wirkt das so leicht. Aber jetzt weiß ich: Diese Leichtigkeit ist harte Arbeit am Fundament.
Ich habe kurz überlegt, ob ich doch mit dem Schlagzeug anfangen soll, wie es meine Tochter als Teenager wollte. Oder mit dem Cajon, weil das ja viel leiser ist. Aber nein, ich will diesen einen sauberen Ton. Ich will diesen Clifford Brown Moment, auch wenn ich davon noch Lichtjahre entfernt bin. Es ist dieser Reiz, aus purer Luft etwas Festes, Klingendes zu formen.
Der Trick: Das Atmen einfach mal vergessen
Hier kommt die Sache, die ich diese Woche erst begriffen habe – und das ist mein ganz eigener Tipp für dich: Anstatt dich krampfhaft auf die bewusste Atmung zu konzentrieren, solltest du im entscheidenden Moment das Atmen eigentlich komplett vergessen. Das klingt paradox, oder? Aber jedes Mal, wenn ich mir sage: 'So, jetzt nimm mal ordentlich Luft für das tiefe G', verkrampfe ich. Mein Hals wird eng, meine Schultern ziehen hoch bis zu den Ohren.
Ich habe gemerkt, dass mein Körper viel besser weiß, was zu tun ist, wenn ich ihn einfach machen lasse. Wenn ich die Trompete ansetze und mir nur den Klang vorstelle, den ich hören will, holt sich die Lunge genau das, was sie braucht. Es ist ein natürlicher Reflex. Man muss nur den Kopf ausschalten – was mir als ehemaliger Beamtin natürlich besonders schwerfällt. Aber im Gartenhaus, zwischen Düngerbeuteln und Spinnweben, kontrolliert mich niemand mehr. Da darf ich auch mal scheitern.
Letzten Mittwoch war es besonders schlimm. Ich wollte unbedingt das tiefe C halten, aber meine Lippen fühlten sich an wie zwei taube Gummibänder. Kennst du das, wenn man sich so sehr konzentriert, dass man vergisst, locker zu lassen? Das Mundstück war nass, der Ton hat gezischt und am Ende kam nur eine Art 'Pffft' heraus. Ich habe die Trompete erst mal weggelegt und bin eine Runde durch den Garten spaziert. Manchmal ist das beste Atemtraining, einfach mal tief die Münsterländer Parklandschaft einzuatmen und gar nichts zu wollen. Ich habe mir sogar überlegt, ob ich mir für die kälteren Tage oder wenn die Nachbarn doch mal genauer hinhören, etwas zulege, damit ich flexibler bin. Ich habe da mal was darüber geschrieben, wie man die Trompete leise üben kann, denn im Gartenhaus wird es im Winter doch recht ungemütlich, und ein Dämpfer könnte da die Rettung sein, damit ich öfter im warmen Wohnzimmer üben kann.
Der Durchbruch am späten Nachmittag
Mitte April – es war einer dieser ersten wirklich sonnigen Tage – hatte ich meinen persönlichen Meilenstein. Die Sonne schien durch die kleinen, leicht dreckigen Fenster des Gartenhauses, und ich hatte mir vorgenommen, einfach nur die ersten Töne der Einführung aus 'Kind of Blue' zu probieren. Ganz langsam. Ohne Druck. Nur die Luftstütze halten.
Und plötzlich passierte es. Die Luft hielt. Es war kein Wackeln mehr da. Die Trompete klang nicht mehr wie diese heisere Gans, sondern wie ein echtes Blechinstrument. Ein kurzer Moment von vielleicht drei oder vier Sekunden, in dem der Ton sauber im Raum stand und das ganze Gartenhaus zum Schwingen brachte. Ich habe danach erst mal das Mundstück abgewischt und laut gelacht. Es war nur ein Ton, aber es war MEIN Ton. Er war so klar wie ein Glas Wasser aus der Leitung.
Natürlich klappt das nicht immer. Gestern zum Beispiel war wieder so ein Tag, an dem gar nichts ging. Meine Lippen waren müde, der Ansatz war schief, und ich habe mich gefragt, warum ich mir das mit 50 überhaupt noch antue. Man muss akzeptieren, dass der Körper kein Computer ist, den man einfach hochfährt. Manchmal ist die Lunge einfach nur eine Lunge und kein Hochleistungskompressor.
Reflexion am Sonntagabend
Jetzt sitze ich hier, schreibe dir diesen Brief und freue mich schon auf morgen früh. Es ist ein langer Weg, und ich werde wohl nie im Jazzclub in der Stadt auftreten, aber das ist auch gar nicht das Ziel. Ich bin jetzt ein halbes Jahr auf dieser Reise, und das Wichtigste, was ich gelernt habe, ist: Ich kontrolliere jetzt meinen Atem, statt dass er mich kontrolliert. Das tut mir nicht nur beim Trompete spielen gut, sondern auch, wenn ich mal wieder in der Schlange an der Supermarktkasse stehe und mich jemand vordrängeln will. Einfach tief ins Zwerchfell atmen, vier Schläge lang – und die Welt sieht ganz anders aus.
Sogar die Sache mit dem Material wird langsam besser. Ich habe viel experimentiert und mich gefragt, welches Mundstück für Trompete Anfänger eigentlich den Unterschied macht, wenn man wie ich mit der Anatomie einer 50-Jährigen kämpft. Es sind diese kleinen Details, die das Hobby so spannend machen. Es ist wie eine neue Sprache, die man lernt, nur dass die Vokabeln aus Luft und Lippenspannung bestehen.
Ich bin noch kein Miles Davis, bei weitem nicht. Aber ich bin eine Frau aus Münster, die im Gartenhaus steht und lernt, dass man für einen guten Ton manchmal einfach nur loslassen muss. Vielleicht ist das die wichtigste Lektion für dieses Jahrzehnt. Man muss nicht perfekt sein, man muss nur atmen.
Alles Liebe aus dem Münsterland,
Deine Schwester