
Der Duft von Freiheit, feuchtem Holz und Rasenmäher-Benzin
Sonntagabend, meine Liebe. Ich sitze hier am Küchentisch, der Rest des Hauses schläft schon, und meine Finger riechen immer noch ganz leicht nach Messing. Du weißt ja, wie das ist – wenn man sich mit 50 noch mal in ein Abenteuer stürzt, von dem alle anderen denken, es sei eine verspätete Midlife-Crisis. Aber es ist keine Krise. Es ist einfach nur... Luft.
In meinem Gartenhaus am Rande des Münsterlands, direkt zwischen den eingemotteten Gartenmöbeln und dem alten Rasenmäher, habe ich diese Woche wieder viel Zeit verbracht. Es riecht dort nach feuchtem Holz und ein bisschen nach Benzin, aber es ist der einzige Ort, an dem ich mich traue, so richtig tief ein- und auszuatmen, ohne dass die Nachbarn denken, ich hätte einen medizinischen Notfall. Denn das ist das Erste, was ich gelernt habe: Trompete spielen hat am Anfang erschreckend wenig mit Musik zu tun, aber alles mit Überleben.
Ich stand da mit der gebrauchten Trompete von unserem Nachbarn – du erinnerst dich, das gute Stück aus seinem Keller – und merkte schnell: Meine Lunge reicht aktuell nicht mal für ein ordentliches „Halleluja“, geschweige denn für die ersten Takte von Miles Davis’ „So What“. Nach 30 Jahren im Finanzamt, wo ich meistens nur flach über Steuerakten geatmet habe, ist mein Zwerchfell anscheinend in den vorzeitigen Ruhestand gegangen, noch bevor ich es tat.
Warum Notenständer im Gartenhaus nur im Weg stehen
Ich habe den Notenständer diese Woche ganz bewusst in die Ecke geschoben. Weißt du, früher in der Schule, bei dieser schrecklichen Blockflöte, da ging es immer nur darum, die schwarzen Punkte richtig zu treffen. Ich dachte immer, ich sei unmusikalisch, weil ich die Punkte nicht schnell genug lesen konnte. Aber bei der Trompete ist das anders. Wenn ich versuche, gleichzeitig Noten zu lesen und dieses schwere Blech zu halten, vergesse ich das Atmen komplett. Und ohne Atem klingt die Trompete wie eine heisere Gans, die versucht, unter Wasser zu singen.
Also stehe ich da, ohne Noten, und höre einfach nur in mich hinein. Ich erinnere mich daran, wie es früher in der Kirche klang, wenn die Bläser von der Empore spielten. Dieser volle, warme Klang – der kommt nicht aus den Fingern. Der kommt von ganz unten. Ich habe mir einen festen Rhythmus angewöhnt, ganz die ehemalige Finanzbeamtin: 5 Tage die Woche, immer nach dem ersten Kaffee, geht es für 10 Minuten ins Gartenhaus für reine Atemeinheiten. Inzwischen sind das in den letzten 8 Wochen stolze 400 Minuten reines Atemtraining. Klingt viel, fühlt sich aber oft an wie die ersten Gehversuche nach einem Gipsbein.
Mein größter Feind ist dabei der „schiefe Ansatz“. Wenn ich zu viel will, verkrampfe ich meine Lippen, das Mundstück wird ganz speichelfeucht und rutschig, und der Ton – falls überhaupt einer kommt – kippt sofort weg. Es ist frustrierend, wenn der lange Atem einfach nicht reicht, um auch nur einen Ton drei Sekunden stabil zu halten.
Das 4-4-4-Prinzip: Steuererklärung für die Lunge
Meine wichtigste Übung im Moment ist das Zählen. Ich schließe die Augen, spüre das kalte Messing des Mundstücks an meinen Lippen – ein Gefühl, das sich nach zehn Minuten Atemübung plötzlich warm und vertraut anfühlt, fast so, als würde die Trompete ein Teil von mir werden. Dann atme ich 4 Schläge lang tief ein, halte die Luft 4 Schläge lang (ohne den Hals zuzuschnüren!) und lasse sie 4 Schläge lang ganz gleichmäßig wieder ausströmen. Manchmal direkt durch das Instrument, manchmal nur so durch die Lippen.
Am Anfang hatte ich dabei ein leichtes Schwindelgefühl nach den ersten drei tiefen Zügen. Das hat mich hart daran erinnert, dass ich jahrelang nur flach geatmet habe. Mein Körper war völlig überfordert mit so viel Sauerstoff! Ich musste mich erst mal auf den alten Gartenstuhl setzen und warten, bis die Welt aufhörte zu drehen. Aber genau das ist der Punkt: Wir verlernt man das natürliche Atmen eigentlich? Als Kind konnte ich das doch auch.
Ich habe kurz überlegt, ob ich doch mit dem Schlagzeug anfangen soll, wie es meine Tochter als Teenager wollte. Oder mit dem Cajon, weil das ja viel leiser ist und man sich nicht so verausgaben muss. Aber nein, ich will diesen einen sauberen Ton. Ich will diesen Clifford Brown Moment, auch wenn ich davon noch Lichtjahre entfernt bin.
Der Trick: Das Atmen einfach mal vergessen
Hier kommt die Sache, die ich diese Woche erst begriffen habe – und das ist mein ganz eigener „Gartenhaus-Tipp“ für dich: Anstatt dich krampfhaft auf die bewusste Atmung zu konzentrieren, solltest du im entscheidenden Moment das Atmen eigentlich komplett vergessen. Das klingt paradox, oder? Aber jedes Mal, wenn ich mir sage: „So, jetzt nimm mal ordentlich Luft für das tiefe G“, verkrampfe ich. Mein Hals wird eng, meine Schultern ziehen hoch bis zu den Ohren.
Ich habe gemerkt, dass mein Körper viel besser weiß, was zu tun ist, wenn ich ihn einfach machen lasse. Wenn ich die Trompete ansetze und mir nur den Klang vorstelle, den ich hören will, holt sich die Lunge genau das, was sie braucht. Es ist ein natürlicher Reflex. Man muss nur den Kopf ausschalten – was mir als ehemaliger Beamtin natürlich besonders schwerfällt. Aber im Gartenhaus, zwischen Düngerbeuteln und Spinnweben, kontrolliert mich niemand mehr. Da darf ich auch mal scheitern.
In der ersten Zeit war das alles noch viel schlimmer, wie ich dir schon in meinem Bericht über Woche 1: Warum die Trompete vom Nachbarn erst mal schwieg (und mein Kopf rot wurde) geschrieben habe. Damals dachte ich noch, ich müsste die Luft mit Gewalt in das Instrument pressen. Heute weiß ich: Die Luft muss fließen, nicht gedrückt werden.
Der Durchbruch am Ostersonntag
Der 5. April – Ostersonntag – war mein persönlicher Meilenstein. Die Sonne schien durch die kleinen, leicht dreckigen Fenster des Gartenhauses, und ich hatte mir vorgenommen, einfach nur die ersten Töne der Einführung aus „Kind of Blue“ zu probieren. Ganz langsam. Nur die Luftstütze halten.
Und plötzlich passierte es. Die Luft hielt. Es war kein Wackeln mehr da. Die Trompete klang nicht mehr wie diese heisere Gans, sondern wie ein echtes Blechblasinstrument. Ein kurzer Moment von vielleicht drei Sekunden, in dem der Ton sauber im Raum stand und das ganze Gartenhaus zum Schwingen brachte. Ich habe danach erst mal das Mundstück abgewischt und laut gelacht. Es war nur ein Ton, aber es war MEIN Ton.
Natürlich klappt das nicht immer. Gestern zum Beispiel war wieder so ein Tag, an dem gar nichts ging. Die Temperaturen im Gartenhaus waren gesunken, das Metall war eiskalt, und meine Lippen fühlten sich an wie zwei taube Gummibänder. Da hilft dann auch das beste Atemtraining nichts. Man muss akzeptieren, dass der Körper kein Computer ist, den man einfach hochfährt.
Reflexion am Sonntagabend
Jetzt sitze ich hier, schreibe dir diesen Brief und freue mich schon auf morgen früh. Es ist ein langer Weg, und ich werde wohl nie im Jazzclub in der Stadt auftreten, aber das ist auch gar nicht das Ziel. Ich bin jetzt in Woche 8 meiner Reise, und das Wichtigste, was ich gelernt habe, ist: Ich kontrolliere jetzt meinen Atem, statt dass er mich kontrolliert. Das tut mir nicht nur beim Trompete spielen gut, sondern auch, wenn ich mal wieder in der Schlange an der Supermarktkasse stehe und mich jemand vordrängeln will. Einfach tief ins Zwerchfell atmen, 4 Schläge lang – und die Welt sieht ganz anders aus.
Ich bin noch kein Miles Davis, bei weitem nicht. Aber ich bin eine 50-Jährige, die im Gartenhaus steht und lernt, dass man für einen guten Ton manchmal einfach nur loslassen muss. Vielleicht ist das die wichtigste Lektion für das nächste Jahrzehnt.
Alles Liebe aus dem Münsterland,
Deine Schwester