Erste Trompete

Woche 1: Warum die Trompete vom Nachbarn erst mal schwieg (und mein Kopf rot wurde)

Zuletzt aktualisiert
Gebrauchte Trompete auf einem Holztisch im Gartenhaus

Da stand ich nun letzten Montag in meinem kleinen Gartenhaus am Rande des Münsterlands, die Vögel zwitscherten draußen um die Wette, und vor mir auf dem alten Holztisch lag dieses Ungetüm aus Messing. Du weißt ja, wie ich bin – mit 50 fangen andere an zu töpfern oder machen Yoga auf Sylt. Ich kaufe meinem Nachbarn über den Gartenzaun eine gebrauchte Trompete ab. Rund einhundertfünfzig Euro hat mich das gute Stück gekostet. Ein fairer Preis, meinte er, sie lag bestimmt zwanzig Jahre in seinem Keller.

Hinweis: Dieser Beitrag enthält Affiliate-Links. Wenn du über diese Links etwas kaufst, erhalte ich eine Provision – für dich bleibt der Preis aber genau gleich. Ich teile hier nur Kurse und Dinge, die ich in meinem Gartenhaus auch wirklich selbst ausprobiere. Hier ist meine Offenlegung.

Montag: Ein Koffer voller Nostalgie (und altem Öl)

Als ich den Koffer öffnete, kam mir dieser ganz spezifische Geruch entgegen – eine Mischung aus altem Samtfutter, den 1980er Jahren und diesem leicht öligen Metallgeruch, der mich sofort an die Proben des Kirchenchors in meiner Kindheit erinnerte. Das kalte, schwere Metall der Trompete an meinen Lippen zu spüren, war im ersten Moment fast einschüchternd. Ich, die ehemalige Finanzbeamtin, die Jahrzehnte lang nur Steuererklärungen und Paragrafen jongliert hat, will jetzt also Musik machen?

Ich habe kurz an dich gedacht, Schwesterherz, und wie wir damals über die Blockflöten-Stunden gelacht (und geweint) haben. Mein Schulinstrument klang eher nach gequältem Nagetier als nach Kunst. Danach hielt ich mich für absolut unmusikalisch. Aber jetzt, wo die Kinder aus dem Haus sind und ich den Ruhestand genieße, wollte ich es wissen. Ich habe sogar kurz überlegt, ob ich Trompete oder Schlagzeug lernen soll – die Tochter hatte ja mal so ein Set im Keller. Oder ein Cajon, weil es leiser ist. Aber dieser strahlende Klang der Trompete, der früher die ganze Kirche füllte... das war es, was ich wollte.

Das Blockflöten-Trauma und der Traum von Miles

Ich habe mein ganzes Leben lang Miles Davis gehört. So What ist für mich nicht nur ein Stück, es ist ein Lebensgefühl. Und Clifford Brown? Wenn der spielt, klingt das so leicht, als würde er einfach nur atmen. Aber ich? Ich saß da mit meinem Kaffee, die Sonne fiel schräg durch das Fenster des Gartenhauses, und ich fühlte mich wie eine Schwindlerin. Wer bin ich denn, dass ich glaube, mit 50 noch dieses Instrument zu zähmen?

Ich habe die Trompete angesetzt, tief eingeatmet – so wie ich es mal in einer Doku gesehen habe – und einfach reingepustet. Nichts. Ein trockenes Pffft. Ich habe es nochmal versucht, fester. Mein Kopf wurde rot, die Adern an meinem Hals traten hervor, und ich glaube, ich habe für einen Moment Sternchen gesehen. Es kam kein Ton. Absolut gar nichts. Die Trompete blieb stumm, als wollte sie mich für meine Hybris bestrafen.

Mittwoch: Die große Stille und der rote Kopf

Mitte der Woche war ich kurz davor, das Ding wieder über den Zaun zurückzuwerfen. Drei Tage lang habe ich jetzt versucht, dieser Röhre auch nur ein Krächzen zu entlocken. Ich habe die Backen aufgeblasen wie ein Hamster vor dem Winter, aber das einzige, was passierte, war, dass mir schwindelig wurde. Es ist deprimierend. Du weißt, ich kann komplizierte Steuerprüfungen abschließen, aber ich scheitere an einem Rohr aus Messing.

Gestern Abend saß ich deprimiert auf meinem alten Gartenstuhl. Ich dachte mir: Vielleicht bin ich wirklich unmusikalisch. Vielleicht ist das mit 50 einfach zu spät. Ich habe so fest gepustet, dass mein Ansatz – so nennen die Musiker wohl die Lippenhaltung – sich anfühlte wie nach einem Zahnarztbesuch. Alles taub. Und dann wurde das Mundstück auch noch so speichelfeucht und rutschig, dass ich ständig abgerutscht bin. Ein Trauerspiel, wirklich.

Die Rettung: Warum Summen wichtiger ist als Pusten

Ich habe dann eingesehen, dass ich Hilfe brauche. Alleine werde ich höchstens ohnmächtig. Ich habe mich nach Online-Kursen umgesehen, weil ich mich nicht traue, in die lokale Musikschule zu gehen und mich neben die Achtjährigen zu setzen. Ich bin bei meineMusikschule Trompete gelandet. Das Abo kostet 19 Euro im Monat – das ist weniger als eine einzige reale Unterrichtsstunde hier in Münster kosten würde.

Und siehe da: Der Lehrer im Video erklärte als Erstes, dass man eben nicht einfach nur pustet. Man muss die Lippen vibrieren lassen. Wie eine Hummel. Oder als ob man ein Haar auf der Zunge loswerden will. Er nennt das "Buzzen". Also saß ich da, nur mit dem Mundstück in der Hand, und habe wie ein Insekt gesummt. Mein Nachbar schaute kurz über die Hecke, während ich da saß und diese seltsamen Geräusche machte. Er fragte grinsend, ob wir ein Wespenproblem im Gartenhaus hätten. Ich habe nur gewinkt und weiter gesummt. Es war mir egal. Denn plötzlich passierte etwas.

Ein kleiner Helfer für den Start

Mein aktueller Begleiter: Da ich nicht weiß, ob ich in drei Monaten noch dabei bin, nutze ich den Kurs von meineMusikschule. Er ist super strukturiert und fängt wirklich bei Null an – perfekt für uns Späteinsteiger, die nicht mehr wissen, wie man Noten liest.

  • Vorteil: Man kann monatlich kündigen, falls die Trompete doch nur Deko wird.
  • Kosten: 19 € pro Monat.

Sonntagabend: Das erste G (und ein bisschen Hoffnung)

Heute ist Sonntagabend, und ich schreibe dir diesen Brief mit einem breiten Lächeln im Gesicht. Ich habe es geschafft. Nach sieben Übungseinheiten diese Woche – jeden Tag etwa zwanzig Minuten im Gartenhaus, mehr halten meine untrainierten Lippen noch nicht aus – kam er endlich: der erste saubere Ton.

Es war ein G. Ein einfaches, tiefes G. Es klang noch nicht nach Miles Davis, eher nach einem Nebelhorn im Münsterländer Frühnebel, aber es war ein Ton! Ein echter, schwingender Klang, der den Raum füllte. Ich habe vor Schreck fast die Trompete fallen lassen. Es fühlte sich an, als hätte ich gerade ein geheimes Passwort geknackt. Meine Gesamtinvestition fühlt sich plötzlich wie das beste Geschäft meines Lebens an.

Was ich diese Woche gelernt habe:

Ich bin keine Musikerin, noch lange nicht. Mein Ansatz ist nach zehn Minuten komplett weg, das Mundstück wird rutschig, und der lange Atem reicht gerade mal für zwei Takte. Aber ich habe heute zum ersten Mal nicht nur Luft bewegt, sondern Musik erzeugt. Für eine ehemalige Finanzbeamtin aus Münster ist das ein verdammt guter Anfang.

Nächste Woche versuche ich, dieses G länger als drei Sekunden zu halten, ohne dass es am Ende wie eine sterbende Ente klingt. Ich halte dich auf dem Laufenden, Schwesterherz. Vielleicht spielen wir ja irgendwann mal zusammen – du auf der Blockflöte und ich als Miles Davis für Arme.

Deine große Schwester

Verwandte Artikel