
Montag, 13. April 2026: Ein Koffer voller Nostalgie (und Öl)
Da stand ich nun heute Morgen in meinem kleinen Gartenhaus am Rande des Münsterlands, die Vögel zwitscherten draußen um die Wette, und vor mir auf dem alten Holztisch lag dieses Ungetüm aus Messing. Du weißt ja, wie ich bin – mit 50 fangen andere an zu töpfern oder machen Yoga auf Sylt. Ich kaufe meinem Nachbarn über den Gartenzaun eine gebrauchte Trompete ab. 150 Euro hat mich das gute Stück gekostet. Ein fairer Preis, meinte er, sie lag bestimmt zwanzig Jahre in seinem Keller.
Als ich den Koffer öffnete, kam mir dieser ganz spezifische Geruch entgegen – eine Mischung aus altem Samtfutter, 1980er Jahren und diesem leicht öligen Metallgeruch, der mich sofort an die Proben des Kirchenchors in meiner Kindheit erinnerte. Das kalte, schwere Metall der Trompete an meinen Lippen zu spüren, war im ersten Moment fast einschüchternd. Ich, die ehemalige Finanzbeamtin, die Jahrzehnte lang nur Steuererklärungen und Paragrafen jongliert hat, will jetzt also Musik machen?
Hinweis: In meinem Tagebuch erzähle ich dir ganz ehrlich von meinem Weg. Manchmal verlinke ich dabei zu den Kursen, die ich selbst nutze, um voranzukommen. Wenn du darüber etwas kaufst, erhalte ich eine Provision, aber für dich ändert sich am Preis absolut nichts. Ich teile hier nur, was ich im Gartenhaus wirklich selbst ausprobiere.
Das Blockflöten-Trauma und der Traum von Miles
Ich habe mein ganzes Leben lang Miles Davis gehört. „So What“ ist für mich nicht nur ein Stück, es ist ein Lebensgefühl. Und Clifford Brown? Wenn der spielt, klingt das so leicht, als würde er einfach nur atmen. Aber ich? Ich hielt mich für absolut unmusikalisch. Mein einziges Instrument war damals in der Schule die Blockflöte, und die klang bei mir eher nach gequältem Nagetier als nach Kunst. Danach war das Thema für mich erledigt.
Kurz hatte ich überlegt, mit Schlagzeug anzufangen, weil meine Tochter als Teenager mal eins wollte. Oder vielleicht ein Cajon, weil das leiser ist und man es in der Wohnung verstecken kann. Aber am Ende siegte die Erinnerung an den strahlenden Klang in der Kirche. Also: Trompete. Auch wenn ich jetzt im Gartenhaus üben muss, damit die Nachbarn nicht gleich die Polizei rufen, wenn ich versuche, „Kind of Blue“ nachzuspielen.
Mittwoch, 15. April 2026: Die große Stille
Drei Tage lang habe ich jetzt versucht, dieser Röhre auch nur einen einzigen Ton zu entlocken. Ich habe gepustet, ich habe die Backen aufgeblasen, ich habe mich angestrengt, bis mein Kopf so rot war wie die Geranien meiner Nachbarin. Und was kam raus? Ein frustriertes Zischen. Nichts. Gar nichts.
Gestern Abend saß ich deprimiert auf meinem alten Gartenstuhl und starrte das Ding an. „Du bist Finanzbeamtin a. D., du kannst komplizierte Steuerprüfungen abschließen, aber du scheiterst an einem Rohr aus Messing? Peinlich“, dachte ich mir. Ich habe so fest gepustet, dass mir schwindelig wurde und ich mich erst mal setzen musste, weil der Kreislauf nicht mehr mitmachte. Die Trompete blieb stumm, als wollte sie mich auslachen.
Die Rettung aus dem Internet
Ich habe dann eingesehen, dass ich Hilfe brauche. Alleine werde ich höchstens ohnmächtig, aber keine Musikerin. Ich habe mich nach Online-Kursen umgesehen, weil ich nicht direkt in eine Musikschule rennen wollte – dafür bin ich mit 50 dann doch zu schüchtern. Ich bin bei meineMusikschule Trompete gelandet. Die 19 Euro für den ersten Monat waren es mir wert, einfach mal zu sehen, was ich falsch mache.
Und siehe da: Man darf nicht einfach nur pusten. Man muss „summen“. Mit den Lippen vibrieren, wie eine Hummel. Der Lehrer im Video erklärte das so ruhig, dass ich mich direkt weniger dumm fühlte. Also habe ich nur das Mundstück genommen und angefangen zu „buzzen“. Mein Nachbar schaute kurz über die Hecke, während ich da saß und wie ein Insekt klang, und fragte grinsend, ob wir ein Wespenproblem im Gartenhaus hätten. Ich habe nur gewinkt und weiter gesummt.
Sonntag, 19. April 2026: Das erste G
Heute ist Sonntagabend, und ich schreibe dir diesen Brief mit einem breiten Lächeln im Gesicht. Ich habe es geschafft. Nach sieben Übungseinheiten diese Woche – jeden Tag etwa 20 Minuten im Gartenhaus, mehr halten meine untrainierten Lippen noch nicht aus – kam er endlich: der erste saubere Ton.
Es war ein G. Ein einfaches, tiefes G. Es klang noch nicht nach Miles Davis, eher nach einem Nebelhorn im Frühnebel, aber es war ein Ton! Ein echter, schwingender Klang, der den Raum füllte. Meine Gesamtinvestition von 169 Euro (150 für die Trompete und 19 für den Kurs) fühlt sich plötzlich wie das beste Geschäft meines Lebens an.
Was ich diese Woche gelernt habe:
- Trompete spielen hat nichts mit Lungenkraft zu tun, sondern mit der Spannung der Lippen (der sogenannte „Ansatz“).
- Das Mundstück ist der eigentliche Motor – ohne das Summen geht gar nichts.
- Geduld ist wichtiger als Ehrgeiz. Wenn der Kopf rot wird, macht man was falsch.
Ich bin keine Musikerin, noch lange nicht. Mein Ansatz ist nach zehn Minuten komplett weg, das Mundstück wird speichelfeucht und rutschig, und der lange Atem reicht gerade mal für drei Takte. Aber ich habe heute zum ersten Mal nicht nur Luft bewegt, sondern Musik erzeugt. Für eine 50-jährige Anfängerin aus Münster ist das ein verdammt guter Anfang.
Nächste Woche versuche ich, mehr als nur einen Ton zu halten. Vielleicht klappt ja sogar eine kleine Tonleiter, wer weiß? Ich halte dich auf dem Laufenden, Schwesterherz.
Deine große Schwester