
Es ist wieder einer dieser schwülen Abende hier am Rand des Münsterlands, an denen die Luft so dick ist, dass man sie fast in Scheiben schneiden könnte. Ich sitze gerade in meinem Gartenhaus, die gebrauchte Trompete liegt noch warm auf dem Holztisch, und ich schmecke diesen typischen, metallischen Geschmack auf meinen Lippen – eine Mischung aus altem Messing und dem Salz des Schweißes. Weißt du, nach dreißig Minuten 'Long Tones' fühlen sich meine Lippen nicht mehr wie meine eigenen an, sondern eher wie zwei überreizte Gummibänder, die gerade einen Marathon hinter sich haben.
Dieses kribbelnde, leicht taube Gefühl auf der Oberlippe, wenn die Durchblutung so richtig massiv angeregt ist, ist eigentlich ein schönes Zeichen. Es sagt mir: Du hast heute etwas getan. Aber heute Abend war es anders. Der Ton wollte einfach nicht mehr sauber einrasten, er eierte irgendwo zwischen dem G und dem A herum, und ich merkte, wie ich unbewusst immer fester drückte. Ein fataler Fehler, ich weiß. Als ehemalige Finanzbeamtin bin ich es gewohnt, Dinge mit Druck und Ordnung zu lösen, aber die Trompete verzeiht einem diesen Kontrollzwang nicht.
Vom Drücken, Quetschen und blauen Lippen
Erinnerst du dich noch an Mitte Februar? Ich hatte gerade erst drei Wochen tägliches Üben hinter mir und war so verbissen, dass ich dachte, man müsse das Mundstück förmlich in das Gesicht pressen, um die Töne zu erzwingen. Meine Lippen liefen blau an, die Haut wurde rissig, und ich sah aus, als hätte ich mich mit einem Staubsaugerrohr unterhalten. Ich wollte unbedingt so klingen wie die Einführung aus Kind of Blue, aber ich klang eher wie eine heisere Gans im Nebel.
Inzwischen weiß ich, dass das Mundstück meiner Trompete aus Messing besteht – meistens ist das die Legierung CuZn37, was bedeutet, dass da etwa 63% Kupfer drin stecken. Wenn dieses Metall ständig gegen die empfindliche Haut gepresst wird, während die Lippen mehrere hundert Mal pro Sekunde vibrieren, ist das eine enorme mechanische Belastung. Unsere Lippen sind kleine anatomische Wunderwerke, aber sie haben eine Schwachstelle: Sie besitzen 0 Schweißdrüsen und nur sehr wenige Talgdrüsen. Sie können sich also nicht selbst einfetten, wenn wir sie im Gartenhaus bei 60 Meter über NN (ja, Münster ist flach!) malträtieren.

Die Falle mit dem Fettstift
Mein erster Impuls war natürlich: Schmieren! Ich habe mir alles auf die Lippen geklatscht, was die Drogerie hergab. Aber genau da liegt der Hund begraben. Viele dieser herkömmlichen Stifte basieren auf Paraffinen, also Erdölprodukten. Wenn ich die direkt nach dem Üben benutze, fühlt sich das zwar kurz gut an, aber langfristig stört es den natürlichen Feuchtigkeitshaushalt massiv. Die Lippen 'gewöhnen' sich an den Schutz von außen und hören auf, sich selbst zu regenerieren. Für den nächsten Ansatz am nächsten Tag sind sie dann oft noch anfälliger für Risse.
Mein kleiner Geheimtipp, den ich nach langer Recherche (ja, die alte Beamtin in mir liebt Akten und Fakten) gefunden habe: Verzichte direkt nach dem Üben im Gartenhaus bewusst auf extrem fetthaltige Pflege. Ich lasse die Lippen erst einmal zur Ruhe kommen. Der Geruch von altem Messing und Ventilöl vermischt sich hier gerade so herrlich mit dem Duft von frisch gemähtem Gras, das durch die offene Tür hereinweht. Ich genieße dieses Pochen in den Lippen eine Weile, bevor ich überhaupt etwas mache. Wenn man zu früh fettet, weicht man das Gewebe auf, das eigentlich eine gewisse Festigkeit behalten muss, damit wir morgen wieder einen Ton herausbekommen.
Was wirklich hilft: Bienenwachs und Geduld
Wenn ich dann später im Haus bin, greife ich zu Produkten mit Bienenwachs oder einer ganz dünnen Schicht Ringelblumensalbe. Das unterstützt die Heilung, ohne die Haut komplett 'abzudichten'. Es geht darum, die Elastizität zu erhalten, nicht die Lippen in eine Fettschicht einzubetonieren. Das ist ein bisschen wie beim Cajon lernen für Erwachsene als Rhythmus-Training für angehende Trompeter – man braucht das richtige Maß an Spannung und Entspannung, sonst kommt kein Rhythmus zustande.
Letzten Sonntagabend, als ich wieder hier saß und mein Tagebuch schrieb, fiel mir auf, wie sehr sich meine Routine verändert hat. Früher habe ich einfach aufgehört, wenn es weh tat. Heute achte ich darauf, wie sich die Haut anfühlt. Wenn ich merke, dass die Lippe trocken wird, mache ich eine Pause, trinke einen Schluck Wasser und versuche, die hohen Töne auf der Trompete ohne festzudrücken zu erreichen. Das schont die Lippen mehr als jede Salbe der Welt es könnte.
Ein Sunday-Evening-Fazit
Es ist jetzt fast sechs Monate her, seit ich mir dieses wunderbare Blechteil vom Nachbarn geschnappt habe. Ich bin immer noch keine Miles Davis und werde es wohl auch nicht mehr, aber wenn ich heute im Gartenhaus stehe und Clifford Brown höre, fühle ich mich dem Ganzen ein Stück näher. Die Lippenpflege ist für mich zu einem kleinen Ritual geworden – eine Art Demut vor dem eigenen Körper, der mit 50 plötzlich Dinge tun soll, die er nie gelernt hat.
Morgen früh werde ich wieder zur Arbeit gehen (zumindest in Gedanken, die Frührente hat ja auch ihre Vorzüge), aber mein Kopf wird hier im Gartenhaus bleiben, bei dem sauberen Ton, den ich heute zum ersten Mal fast perfekt gehalten habe. Ohne Schmerz, ohne blaue Flecken, einfach nur Luft und Schwingung. Und morgen Abend? Da sehen wir uns wieder, meine Trompete und ich. Mit gepflegten Lippen und ganz viel Geduld.