
Es ist ein kühler Sonntagabend hier am Rande des Münsterlands, und ich sitze mal wieder in meinem Gartenhaus. Draußen peitscht der Regen gegen das Holz, während ich auf dieses Blatt Papier starre, das vor mir auf dem Notenständer wackelt. In meiner Hand liegt die alte B-Trompete vom Nachbarn, schwer und irgendwie erwartungsvoll – aber diese schwarzen Punkte auf dem Papier? Die fühlen sich für mich immer noch wie eine Geheimsprache an, die ich erst noch knacken muss.
Weißt du, im Finanzamt war alles so logisch. Zahlen, Paragraphen, klare Strukturen. Wenn da eine 4 stand, war es eine 4. Aber hier? Ich schaue auf diese fünf Linien und versuche zu begreifen, warum ein Kreis auf der zweiten Linie von unten plötzlich bedeutet, dass ich meine Finger sortieren muss. Es ist ein bisschen wie damals, als ich nach Jahren das erste Mal wieder schwimmen gegangen bin – man weiß theoretisch, wie es geht, aber im Wasser fühlt man sich erst mal wie ein nasser Sack.
Ich frage mich manchmal, was mein alter Abteilungsleiter sagen würde, wenn er mich jetzt sähe. Wahrscheinlich würde er nur die Stirn runzeln und fragen, ob ich die Steuererklärung für die Gartenlaube schon fertig habe. Stattdessen sitze ich hier und versuche, Punkte statt Paragraphen zu entziffern. Es ist herrlich absurd.
Vom Finanzamt zum Notenblatt: Ein holpriger Start
Eigentlich fing alles Ende Februar an. Ich dachte, nach einem Leben voller Miles Davis und Clifford Brown im CD-Player müsste das doch irgendwie von selbst gehen. Die Blockflöte aus der Grundschule war tief in meinem Gedächtnis vergraben – so tief, dass ich mich eigentlich für komplett unmusikalisch hielt. Kurz hatte ich ja überlegt, ob ich Trompete oder Schlagzeug lernen sollte, weil meine Tochter als Teenager mal so ein Set wollte (und ein Cajon wäre ja viel leiser gewesen), aber der Klang der Trompete in der Kirche damals... das hat mich einfach nicht losgelassen.
Aber Noten? Das war für mich immer das Territorium von Menschen, die im Konservatorium studiert haben. Dabei ist das System eigentlich ganz überschaubar, wenn man den Kopf ausschaltet. Es gibt diese fünf Linien, und die Noten für uns Trompeter werden fast immer im Violinschlüssel geschrieben. Klingt einfach, oder? Bis man merkt, dass die Trompete ein Eigenleben führt.
Das Rätsel der B-Stimmung
Mitte April kam dann der Moment, an dem ich fast alles hingeschmissen hätte. Ich saß hier mit meinem Tee und versuchte zu verstehen, warum ein geschriebenes C auf meinem Blatt eigentlich ein klingendes B ist. Das nennt man wohl ein transponierendes Musikinstrument. Stell dir das mal vor: Du liest eine Zahl, aber du musst eine andere aussprechen. Mein Gehirn, das auf Steuerrecht programmiert ist, hat erst mal laut 'Systemfehler' gerufen.
Meine Trompete ist in B gestimmt, was bedeutet, dass alles, was ich spiele, einen Ganzton tiefer klingt, als es auf dem Papier steht. Warum macht man sowas? Keine Ahnung, aber es gehört dazu. Ich habe gelernt, dass ich mich nicht mit der Theorie aufhalten darf, sonst fange ich an zu rechnen statt zu spielen. Und Rechnen hatte ich im Berufsleben wahrlich genug.
Anfangs habe ich den Fehler gemacht, jedes Mal die Takte abzuzählen und mir die Notennamen mit Bleistift drüberzuschreiben. Das sah dann aus wie eine Buchführung aus der Hölle. Aber weißt du was? Das hat mich nur gebremst. Irgendwann habe ich gemerkt, dass es viel mehr bringt, die Noten als Griffe zu sehen. Note auf der Linie? Ventil eins und zwei runter. Note im Zwischenraum? Finger weg oder nur das mittlere Ventil.
Hören statt Puzzeln: Mein kleiner Geheimtipp
Hier kommt der Punkt, der für mich alles verändert hat. Ich habe irgendwann aufgehört, das Notenlesen wie ein logisches Puzzle zu betrachten. Ich habe angefangen, mir die Stücke erst mal anzuhören. Wenn ich weiß, wie 'So What' von Miles Davis klingen soll, dann erkenne ich die Intervalle auf dem Papier viel schneller wieder. Mein Gehör ist viel schlauer als mein analytischer Verstand.
Ich glaube sogar, man sollte am Anfang das Notenblatt öfter mal weglegen. Einfach nur einen Ton aushalten, spüren, wie die Lippen vibrieren, und dann schauen, wo dieser Ton auf den Linien wohnen würde. Das nimmt diesen enormen Druck weg, alles 'richtig' machen zu müssen. Ich will ja keine Partituren für den WDR dirigieren, ich will nur, dass mein Nachbar nicht mehr klopft, weil ich wie eine sterbende Ente klinge.
Inzwischen nutze ich ein System, das mir visuell hilft, ohne dass ich erst drei Jahre Harmonielehre pauken muss. Es ist ein bisschen wie Malen nach Zahlen, nur mit Luft. Falls du auch gerade erst anfängst, schau dir mal meine Erfahrungen mit dem meineMusikschule Trompete Kurs für Anfänger an – dort wird das alles sehr entspannt erklärt, ohne dass man sich wie ein Idiot vorkommt.
Der metallische Duft des Erfolgs
Vor etwa drei Wochen hatte ich dann diesen einen Moment. Ich saß hier, der metallische Geruch von Ventilöl lag in der Nase – ich liebe diesen Geruch mittlerweile, er riecht nach Handwerk –, und ich habe einfach gespielt. Ich sah eine Note, mein Gehirn rief 'Ventil eins und zwei', meine Lippen formten den Ansatz, und da war er: ein sauberer Ton. Kein Quietschen, kein Kippen. Einfach nur ein Ton.
Es war, als hätte sich ein Nebel gelichtet. Ich musste nicht mehr überlegen, wie viele Linien ich von unten zählen muss. Es war eine direkte Verbindung vom Auge zum Finger. Natürlich klappt das noch nicht bei schnellen Läufen, und bei Clifford Brown komme ich immer noch nicht mit, aber für die Grundlagen reicht es. Die Trompete hat nur drei Ventile, aber die Kombinationen daraus mit dem richtigen Lippendruck zu finden, während man Noten liest, ist Schwerstarbeit für das Gehirn.
Hier ist eine kleine Liste von Dingen, die mir geholfen haben, das Chaos auf dem Papier zu bändigen:
- Singen vor dem Spielen: Wenn du die Melodie singen kannst, weißt du, ob die Note nach oben oder unten geht.
- In kleinen Häppchen denken: Nicht die ganze Seite anstarren, sondern nur zwei Takte.
- Die B-Stimmung akzeptieren: Frag nicht warum, nimm es einfach hin. Ein C ist ein C, auch wenn es anders klingt.
- Farben nutzen: Ich habe mir anfangs die Noten für das erste Ventil blau und für das zweite rot markiert. Kindisch? Vielleicht. Hilfreich? Absolut.
Ich bin jetzt seit gut drei bis vier Monaten dabei, und wenn ich heute Jazz auf der Trompete lernen will, dann schaue ich mir die Noten an und sehe keine Feinde mehr, sondern einen Fahrplan. Ein Fahrplan, der mich durch mein tägliches Üben im Gartenhaus leitet.
Klar, manchmal reicht der lange Atem einfach nicht, und ich klinge am Ende einer Phrase eher wie eine Luftpumpe als wie eine Musikerin. Und ja, mein Mundstück ist oft speichelfeucht und der Ansatz schief, wenn ich müde werde. Aber das gehört dazu. Es ist mein Projekt, mein 50-jähriges Ich, das endlich mal nicht nur verwaltet, sondern gestaltet.
Nächste Woche erzähle ich dir vielleicht mal von meinem ersten Versuch, eine ganze Tonleiter zu spielen, ohne dass mir schwindelig wird. Aber für heute ist Schluss. Der Regen hat aufgehört, und ich muss die Trompete noch putzen. Das ist fast so meditativ wie Akten sortieren, nur viel schöner.
Bis nächsten Sonntag!