Erste Trompete

Jazz auf der Trompete lernen als Anfänger ohne Vorkenntnisse

Jazz auf der Trompete lernen als Anfänger ohne Vorkenntnisse

Sonntagabend im Gartenhaus – draußen zieht der Nebel über die Felder am Rand vom Münsterland und ich sitze hier mit meiner Kanne, die Finger riechen nach diesem metallischen Ventilöl und das Mundstück ist eiskalt an meinen Lippen. Eigentlich wollte ich heute nur mal kurz 'So What' von Miles Davis anspielen – du weißt schon, dieses entspannte Thema – aber was rauskam, klang eher wie eine heisere Ente mit Halsschmerzen. Es ist jetzt Woche 17 meiner Reise und ich merke: Jazz auf der Trompete zu lernen, wenn man eigentlich nur Blockflöten-Traumata aus der Schulzeit im Gepäck hat, ist ein echtes Abenteuer.

Vom Finanzamt ins Gartenhaus

Du weißt ja, nach all den Jahren in der Finanzverwaltung bin ich eigentlich eher der Typ für klare Strukturen und Excel-Tabellen gewesen. Aber als ich 50 wurde, dachte ich mir: Wenn nicht jetzt, wann dann? Ich habe meinem Nachbarn seine alte, silberne Trompete für 180 Euro abgekauft – ein echtes Schnäppchen inklusive Koffer, auch wenn sie am Anfang ein bisschen nach Keller roch. Ich hatte kurz überlegt, ob ich das Schlagzeug meiner Tochter übernehme oder vielleicht Cajon lerne als leise Alternative, aber am Ende hat die Sehnsucht nach diesem warmen Klang gewonnen, den ich früher immer in der Kirche so bewundert habe.

Das Problem ist nur: Mein Kopf hört Clifford Brown, aber meine Lippen sind noch im Modus 'Beamtin im Ruhestand'. In den letzten 17 Wochen habe ich insgesamt etwa 1700 Minuten hier draußen verbracht – ich rechne das immer noch gerne aus, die alte Gewohnheit. Das sind etwa 100 Minuten pro Woche, aufgeteilt auf fünf Einheiten à 20 Minuten. Mehr schaffen meine Gesichtsmuskeln einfach noch nicht.

Die Sache mit den drei Ventilen

Es ist faszinierend und frustrierend zugleich: Diese ganze Jazz-Welt wird mit nur 3 Ventilen gesteuert. Aber die Wahrheit ist, dass die meiste Arbeit in den Lippen passiert. Wenn ich versuche, einen C2 zu halten – diesen einen Ton, der sich endlich mal nach Musik anfühlt – dann spüre ich danach dieses ganz spezifische Kribbeln und eine leichte Taubheit in der Oberlippe. Es ist ein Zeichen, dass ich es übertrieben habe, aber es fühlt sich auch ein bisschen nach Sieg an.

Mein wichtigster Rat an dich, falls du auch mal diesen Impuls hast: Lass die klassischen Etüden erst mal links liegen. Ich weiß, das klingt nach Rebellion, aber ich habe gemerkt, dass mein Gehirn sofort in diesen starren Blockflöten-Rhythmus der 70er verfällt, wenn ich nur auf Notenblätter starre. Jazz lernt man nicht durch Lesen, sondern durch Nachahmen. Ich setze mir die Kopfhörer auf, höre die Einleitung aus Kind of Blue und versuche einfach, die Phrasen mitzusingen – und sie dann auf das Instrument zu übertragen. Bevor dein Kopf die starre Rhythmik klassischer Noten verinnerlicht, musst du das Gefühl für den Swing im Körper haben.

Der Durchbruch am 15. März

Ich muss dir von dem Moment am 15. März erzählen. Es war ein Sonntag, genau wie heute. Ich war frustriert, weil mein Ansatz sich mal wieder anfühlte wie ein nasser Lappen. Ich wollte schon einpacken, da habe ich einfach tief eingeatmet – so wie ich es in meinen Atemübungen für Anfänger immer versuche – und ein tiefes G gespielt. Und plötzlich war er da: Dieser Ton. Er war warm, er war voll, er klang nicht nach Blech, sondern nach Gold. Er klang genau wie früher in der Kirche, wenn der Posaunenchor loslegte. In diesem Moment wusste ich, warum ich das mache.

Natürlich klappt das nicht immer. Oft genug ist das Mundstück einfach zu speichelfeucht, der Ansatz rutscht weg und der lange Atem reicht hinten und vorne nicht. Dann sitze ich hier, schaue auf die gebrauchte Trompete und frage mich, ob ich nicht doch lieber beim Stricken geblieben wäre. Aber dann denke ich an Miles und daran, dass er auch mal angefangen hat. Jazz ist für mich kein High-Speed-Solo mit 200 Noten pro Minute. Jazz ist der Mut, mit 50 Jahren im Gartenhaus endlich mal laut zu sein und sich nicht dafür zu entschuldigen, wenn ein Ton mal danebengeht.

Manchmal kommen mir die Tränen, nicht vor Trauer, sondern weil es so befreiend ist. Wer hätte gedacht, dass eine ehemalige Finanzbeamtin aus Münster noch mal lernt, wie man 'Blue in Green' haucht? Wenn du also mal das Gefühl hast, du seist unmusikalisch, nur weil du früher in der Schule die Sopranblockflöte verflucht hast: Vergiss es. Such dir ein Instrument, das dein Herz berührt, und fang einfach an. Es ist egal, ob die Nachbarn klopfen (deshalb ja das Gartenhaus!).

Ich werde jetzt noch mal kurz das Ventilöl auspacken – dieser Geruch erinnert mich immer daran, dass ich jetzt etwas Handwerkliches mache, etwas Echtes. Und dann versuche ich noch mal dieses tiefe G. Nur für mich.

Alles Liebe, deine Schwester aus dem Gartenhaus

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