
Hallo Kleine, ich sitze hier gerade im Gartenhaus, die Sonne geht langsam hinter den Feldern unter und ich rieche wie eine Mischung aus einer alten Autowerkstatt und einem Heuhaufen. Der metallische Geruch von Ventilöl an den Fingerspitzen vermischt mit dem Duft von frisch gemähtem Gras, der durch die offene Tür zieht – das ist mittlerweile mein Standard-Sonntagsduft geworden. Aber weißt du was? Ich habe letzte Woche zum ersten Mal einen C-Dur-Lauf hinbekommen, der nicht klang, als würde ich über meine eigenen Füße stolpern.
Es ist schon verrückt. Da verbringt man sein halbes Leben im Finanzamt, sortiert Belege und Paragrafen mit einer Präzision, auf die man stolz ist, und dann steht man mit 50 vor diesem Instrument und die eigenen Finger fühlen sich an wie dicke Münsterländer Leberwürste. Mein Kopf weiß genau, was zu tun ist – Miles Davis' ‘So What’ läuft in Dauerschleife in meinem Hirn –, aber meine rechte Hand hat da bisher einfach nicht mitgespielt.
Vom Suchen und Finden der drei Knöpfe
Eigentlich ist es ja reine Mathematik, das müsste mir ja liegen. Eine Standard B-Trompete hat genau 3 Perinet-Ventile. Aus diesen drei Dingern ergeben sich mathematisch gesehen 8 mögliche Griffkombinationen. Klingt überschaubar, oder? Aber wenn man dann versucht, flüssig von einem Ton zum nächsten zu kommen, fühlt es sich eher nach höherer Quantenphysik an. Besonders dieses zweite Ventil, das den Naturton theoretisch um genau einen Halbtonschritt senkt – es ist mein kleinster Freund, aber oft mein größter Feind.
Ende April, als ich anfing, dachte ich noch, ich müsste die Ventile einfach nur fest genug drücken. Ich habe die Trompete gehalten wie eine Steuererklärung, bei der die Zahlen nicht aufgehen: verkrampft und mit viel zu viel Druck. Das Ergebnis? Meine Finger klebten förmlich an den Ventilen fest, statt darüber zu tanzen. Ich hielt mich ja jahrelang für völlig unmusikalisch, wie ich dir schon mal schrieb, als es um mein Gefühl, unmusikalisch zu sein ging. Aber jetzt merke ich: Es ist oft gar nicht das fehlende Gehör, sondern einfach die steife Feinmotorik.

Trockenübungen auf dem Oberschenkel
An einem verregneten Sonntag im Mai saß ich im Wohnzimmer und habe ‘Tatort’ geschaut. Statt nur passiv zuzusehen, habe ich angefangen, die Fingerübungen aus meinem Kurs einfach auf meinem Oberschenkel mitzumachen. Trockentraining nennt man das wohl. Ohne Pusten, ohne Nachbarn zu ärgern, einfach nur die Unabhängigkeit der Finger trainieren.
Dabei ist mir etwas aufgefallen, was ich erst gar nicht glauben wollte: Das leichte Zittern im Ringfinger, wenn er zum ersten Mal unabhängig vom Mittelfinger das dritte Ventil sauber herunterdrückt, ist völlig normal. Es ist, als müssten die Sehnen in meiner Hand erst lernen, dass sie nicht mehr im Finanzamt-Modus (alle zusammen oder gar keiner) arbeiten, sondern Solisten sind. Ich habe dann angefangen, ganz bewusst darauf zu achten, wie ich meine Referenz der Trompeten-Grifftabelle im Kopf behalte, während ich nur mit den Fingern tippe.
Ein großer Fehler war übrigens mein kleiner Finger. Ich hatte ihn immer fest in den Haken am Ende der Ventilmaschine gepresst. Ich dachte, das gibt Halt. Aber Pustekuchen! Mein Kurs hat mir beigebracht: Der kleine Finger darf da nur locker ruhen oder sogar ganz oben drauf liegen. Sobald man ihn in den Haken krallt, sperrt man die ganze Hand. Seit ich das lasse, flutschen die Ventile viel besser.
Lockerheit statt Kralle: Der Trick mit dem Handgelenk
Mitte Juni hatte ich dann eine Art Erleuchtung. Ich hatte immer versucht, die Finger völlig isoliert zu bewegen – wie kleine Roboterstempel. Aber das führt nur zu Verspannungen, die bis in den Nacken ziehen. Mein neuer Ansatz: Ich lasse das gesamte Handgelenk locker mitfedern. Es ist keine starre Halterung, sondern ein lebendiger Teil der Bewegung.
Statt die Finger krampfhaft auf den Ventilen zu isolieren, fördert die Lockerheit durch bewusstes Mitbewegen des gesamten Handgelenks eine deutlich flüssigere Technik. Es ist fast wie beim Teigkneten für einen Stutenkerl – man braucht Kraft, aber die muss fließen, nicht stocken. Wenn ich jetzt die Ventile drücke, achte ich darauf, dass meine Hand eine natürliche Wölbung behält, als würde ich einen Apfel halten.
Natürlich klappt das nicht immer. Letzte Woche hatte ich einen Tag, da ging gar nichts. Der schiefe Ansatz, das speichelfeuchte Mundstück, das bei jedem schnellen Griffwechsel verrutscht ist – ich hätte das Ding am liebsten in die Regentonne gefeuert. Wenn dann noch die Ventile hängen, ist der Frust perfekt. Aber zum Glück weiß ich mittlerweile, was zu tun ist, wenn die Trompete-Ventile hängen. Ein bisschen Öl, einmal tief durchatmen und weiter geht’s.

Das Ziel: Clifford Brown (oder zumindest ein sauberer Lauf)
Mein Ziel für den Hochsommer ist es, die Finger so präzise zu bekommen, dass sie klacken wie eine gut geölte Schreibmaschine. Dieses metallische ‘Klick-Klick-Klick’, wenn die Ventile perfekt aufschlagen, ist fast so befriedigend wie ein sauber abgeschlossener Jahresabschluss. Nur schöner.
Gestern Abend im Gartenhaus ist es mir dann zum ersten Mal gelungen: Ein Lauf über eine Oktave, ganz ohne dieses hässliche ‘Schmieren’ zwischen den Tönen. Es klang fast wie Musik. Ich habe danach erst mal eine Pause gemacht und meinen kalten Tee getrunken, während ich auf die dunklen Umrisse der Bäume gestarrt habe. Clifford Brown wird aus mir sicher nicht mehr, aber für eine 50-jährige Ex-Beamtin war das ein verdammt guter Moment.
Wie sieht’s bei dir aus? Hast du deine alten Blockflöten-Traumata eigentlich schon überwunden? Du solltest es auch mal versuchen – es ist nie zu spät, sich ein bisschen lächerlich zu machen, um sich danach großartig zu fühlen.
Ich drück dich, deine große Schwester